Über die Autoregulation in lebendigen Organismen
Um genauer zu verstehen, wie Störungen im Organismus wirken können, ist es sinnvoll zuerst zu begreifen, was eine gesunde Zelle leistet.
Wissen Sie, wie fein wir 'getaktet' sind?
Den Ärzten in unserer Gruppe ging es ähnlich wie anderen Medizinern, mit denen wir darüber sprachen: Wir alle hatten keine Ahnung, wie viele chemische Reaktionen in unserem Körper ablaufen. Es war kein Thema in unserer ärztlichen Ausbildung. Es ist jedoch eine wichtige Frage, wenn wir eine bestimmte chemische Substanz in den Körper einbringen, um ganz bestimmte chemische Änderungen auszulösen.
Täglich setzen wir weit über die Hälfte unseres Körpergewichts in den sogenannten ATP-ADP-Reaktionen in allen Zellen unseres Körpers um. Sportmediziner rechnen mit 10 Millionen solcher chemischen Reaktionen pro Sekunde in einer einzelnen aktiven Muskelzelle zur Energiegewinnung.
Diese 10 Millionen Reaktionen in einer Zelle pro Sekunde stellen die erforderliche Energie für die Muskelarbeit bereit. Diesem Bereitstellen der Energie schließt sich eine bis heute unmessbar große Anzahl chemischer Reaktionen an: Jedes einzelne Sauerstoffatom, jedes Zucker- oder Koffeinmolekül, jeder Geruchs-, Farb- oder Lichtreiz, den wir aufnehmen, löst eine Kaskade von weiteren Reaktionen in unserem Körper aus. Jede einzelne Nervenzelle, die durch einen solch winzigen Impuls getriggert wird, setzt entweder Elektronenströme oder Transmitter frei und kann dadurch eine kaum vorstellbar große Zahl chemischer Reaktionen im Gehirn wie im ganzen Körper auslösen.
Einem neuen Insulinmolekül, das in unserer Bauchspeicheldrüse gebildet wird, geht umgekehrt ebenfalls eine ungeheure Vielzahl chemischer Reaktionen voraus. Die Prozesse in einer einzelnen Zelle wirken also direkt oder indirekt auf eine riesige Zahl anderer Zellen weiter.
Diese für uns kaum vorstellbar komplexe Einzelzell-Symphonie ist milliardenfach in die fein modulierenden Regelkreise der Organe und schließlich in den Kontext unseres gesamten Körpers integriert. Nach aktuellen Schätzungen besteht ein Erwachsener aus rund 30 Billionen einzelnen Zellen.
Die konventionelle Medizin setzt für chronische Krankheiten oft chemisch aktive Substanzen ein, die an einer ganz bestimmten Stelle eine einzelne chemische Reaktion verändern sollen. Doch dieser erwünschte Effekt fordert einen Preis: Er bringt eine Fülle unerwünschter und unbeabsichtigter Nebeneffekte hervor, denn er greift zugleich in die trilliardenfach untereinander vernetzte Feinregulation der Zellen im Körper ein.
Dass wir ein oft eher grobes Eingreifen als besonders fundiert empfinden, entspringt nicht nur der „reinen Vernunft". Historisch betrachtet ist ein vereinfachender Umgang mit vielfältig zusammenwirkenden Realitäten eine wichtige Quelle menschlicher Irrtümer. Ähnlich wie bei der Erforschung des für uns unerwartet komplexen Kosmos erweist es sich als sinnvoll, die Erkenntnisse ganz verschiedener Forschungsgebiete zu berücksichtigen.